Heute, am Montag, den 13.07.2026, hatte ich meinen ersten Hexenschuss.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf meiner Bank, schaue auf den Main – den Fluss meiner Heimat –, lasse meinen Blick über die Wiese schweifen, freue mich über das intensive Blau der Wegwarte und beobachte einen kleinen Marienkäfer, der unbeirrt seinen Weg geht.
Alles um mich herum ist in Bewegung.
Eigentlich müsste ich denken: Ich gerade nicht.
Doch dieser Gedanke kam gar nicht.
Der erste war:
„Ich auch.“
Langsamer als sonst.
Vorsichtiger.
Und vielleicht achtsamer als je zuvor.
Doch eigentlich beginnt diese Geschichte nicht heute.
Sie beginnt einige Tage vorher.
Es war eine Woche, in der mir das Leben immer wieder dieselbe Frage gestellt hat:
Bleibst du bei dir?
Kannst du dich liebevoll annehmen, auch wenn gerade nicht alles rund läuft?
Auch dann, wenn durch dein Verhalten andere Menschen einen Mehraufwand haben?
Schon am Dienstag wurde ich mit einer Situation konfrontiert, die alte Scham in mir berührt hat. Ganz plötzlich waren sie wieder da – diese tief gespeicherten Überzeugungen.
Du darfst anderen nicht zur Last fallen.
Und genau das ist jetzt passiert.
Zu diesen Gedanken gesellte sich noch eine zweite Form der Scham.
Ich schämte mich, weil meine Familie wegen mir ihre Pläne ändern musste.
Und ich schämte mich fast noch mehr dafür, dass mich diese Situation so unglaublich aus der Bahn geworfen hat.
Nach all den Jahren mit Yoga, Meditation und Achtsamkeit dachte ich:
"Eigentlich müsstest du doch längst anders reagieren."
Doch genau das war nicht der Fall.
Ich fiel komplett aus meiner Mitte.
Unabhängig davon hatte ich an diesem Abend noch eine Yogastunde zu unterrichten. Mein einziger Gedanke war:
"Ich ziehe das jetzt durch. Danach verkrieche ich mich. Heute bin ich definitiv keine gute Gesellschaft."
Früher wäre genau das mein Weg gewesen.
Doch an diesem Abend durfte ich etwas erleben, das ich zwar längst wusste, aber noch nie so deutlich erfahren hatte:
Yoga hilft.
Nicht, weil plötzlich alles gut ist.
Sondern weil Yoga mich wieder mit mir selbst verbindet.
Mit meinem Körper.
Mit meinem Atem.
Mit dem gegenwärtigen Moment.
Nach der Stunde war nicht alles gelöst.
Aber ich war wieder mehr bei mir.
Nicht vollkommen gelassen.
Doch ruhig.
So ruhig, dass ich mich nicht mehr verstecken musste.
Ich ging zu dem Grillabend, entschuldigte mich und konnte den Abend sogar noch genießen.
Früher wäre das undenkbar gewesen.
Am nächsten Tag schrieb ich meine Gedanken auf. Ich wollte sie aus meinem Kopf aufs Papier bringen.
Ich spürte eine große innere Unruhe, Scham und fast schon Panik.
Mir wurde klar:
Es geht gerade nicht darum, den Fehler ungeschehen zu machen.
Es geht darum, bei mir zu bleiben.
Mich nicht zu verurteilen.
Das Leben ließ nicht lange auf die nächste Übung warten.
Schon am nächsten Tag bekam ich eine neue Gelegenheit.
Während meiner Ausbildung sagte unsere Ausbilderin ausdrücklich, dass wir keine Buttons drücken sollten, solange wir Adminrechte haben.
Und natürlich...
drückte ich genau diesen Button.
Ich hatte ihre Aufzeichnung beendet.
In diesem Moment war sofort wieder alles da.
Scham.
Enge.
Panik.
Und dieser starke Wunsch, einfach nur von mir weg zu wollen.
Ich war überzeugt, ihre komplette Aufnahme gelöscht zu haben.
Ich schrieb ihr nach dem Zoom und schilderte meine Sorge.
Mehr konnte ich in diesem Moment nicht tun.
Also blieb ich.
Bei mir.
Ich ließ die Tränen fließen.
Immer wieder sagte ich mir – auch wenn ich es selbst kaum glauben konnte:
"Ich bleibe bei mir. Ich bin wertvoll. Auch wenn mir Fehler passieren."
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ich übe gerade etwas ganz Wesentliches.
Einen Fehler zu machen ist das eine.
Mich deshalb als Mensch infrage zu stellen, etwas ganz anderes.
Mit der Zeit wurde ich ruhiger.
Nicht unbedingt entspannter.
Aber ruhiger.
Und dann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Ich bekam Wertschätzung.
Feedforward.
Verständnis.
Da wurde mir bewusst, wie oft ich mich selbst auf einen einzigen Fehler reduziere.
Kennst du das auch?
Dass ein kleiner Moment genügt und plötzlich scheint dein ganzer Wert davon abzuhängen?
Vielleicht geht es gar nicht darum, keine Fehler mehr zu machen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, liebevoll bei sich zu bleiben, wenn sie passieren.
Diese Gedanken begleiteten mich die ganze Woche.
Immer wieder hatte ich das Gefühl, das Leben flüstert mir zu:
Bleib fokussiert.
Bleib bei dir.
Ich fragte mich nur:
Worauf eigentlich?
Auf meinen beruflichen Weg?
Auf meine Ziele?
Oder vielleicht auf etwas viel Größeres?
Darauf, immer mehr in Verbindung mit dem Leben zu sein.
Mit mir.
Mit anderen.
Mit dem, was gerade ist.
Heute Morgen bin ich schon mit einem unguten Gefühl aufgewacht.
Warum?
Ich weiß es nicht.
Ich fühlte mich dumpf.
Nicht richtig bei mir.
Ich schrieb meine Morning Pages und wollte anschließend Yoga machen.
Einfach ankommen.
Bevor ich all das erledige, was ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte.
Ich zog meine Matte hinter dem Beifahrersitz hervor.
Alles rutschte durcheinander.
Ich zog kräftiger.
Und dann passierte es.
Ein stechender Schmerz schoss mir in den Rücken.
Von einem Moment auf den anderen ging gefühlt gar nichts mehr.
Ich lag da.
Wie ein Marienkäfer auf dem Rücken.
Und wusste nicht, was ich jetzt tun sollte.
Mit einem Schlag waren alle Pläne verschwunden.
Es gab nur noch diesen Moment.
Ganz langsam kam ich wieder zum Stehen, nahm meine Matte und ging nach draußen.
Und plötzlich dachte ich:
So... jetzt darf all das Wissen, das ich über die Jahre gesammelt habe, lebendig werden.
Nicht in der Theorie.
Sondern genau jetzt.
Ich stellte mir nicht die Frage:
Wie werde ich den Schmerz möglichst schnell wieder los?
Sondern:
Was ist jetzt möglich?
Welche Bewegung geht trotzdem?
Wie wenig muss ich tun?
Wie kann ich freundlich mit meinem Körper sein?
Ich legte mich auf meine Matte.
Ganz langsam begann ich, mich zu bewegen.
Nicht gegen den Schmerz.
Sondern mit ihm.
Kleine Bewegungen.
Weniger Kraft.
Mehr Aufmerksamkeit.
Immer wieder neugierig werden.
Und ich bemerkte etwas Erstaunliches.
Nicht der Schmerz war mein größtes Problem.
Sondern mein innerer Antreiber.
Diese Stimme, die sagte:
"Du musst doch etwas machen."
"Du hast heute noch so viel vor."
"Jetzt verliere bloß keine Zeit."
Nach einer halben Stunde konnte ich langsam aufstehen.
Fast meditativ ging ich Schritt für Schritt zurück zu meinem Van.
Ich machte mir erst einmal einen Kaffee.
Während ich wartete, wurde mir klar:
Ich brauche einen Weg, mich nach unten zu beugen.
Nicht gegen meinen Körper.
Sondern mit ihm.
Also begann ich wieder zu forschen.
Mit gebeugten Knien.
Mit einer anderen Gewichtsverlagerung.
Mit Geduld.
Und während ich verschiedene Bewegungen ausprobierte, machte es plötzlich ganz leise:
Knack.
Ich spürte sofort:
Da hat sich etwas verändert.
Die Schmerzen waren nicht verschwunden.
Aber es fühlte sich leichter an.
Seitdem kann ich wieder freier laufen.
Langsam.
Aber freier.
Und während ich hier sitze und all das aufschreibe, wird mir bewusst, was ich aus dieser Erfahrung mitnehmen möchte.
Wie wichtig Pausen sind.
Gerade dann, wenn auf der emotionalen Ebene viel in Bewegung war.
Wie schnell ich manchmal einfach weitermache, obwohl etwas erst noch Raum braucht, um sich setzen zu dürfen.
Wie spannend es sein kann, den Blickwinkel zu verändern.
Weg von:
"Der Schmerz muss verschwinden."
Hin zu:
"Was ist trotz allem möglich?"
Und dass Achtsamkeit nicht bedeutet, keinen Schmerz mehr zu haben.
Sondern neugierig zu bleiben.
Ich kenne nicht den Grund für alles, was im Leben geschieht.
Und vielleicht muss ich ihn auch gar nicht kennen.
Aber ich kann mich entscheiden, jeder Erfahrung mit Offenheit zu begegnen.
Und manchmal entsteht genau dort, wo wir sie am wenigsten erwarten,
Dankbarkeit.
Sogar für einen Hexenschuss.
Und jetzt bin ich neugierig:
Kennst du solche Momente auch?
Gab es eine Situation, die sich im ersten Moment nur schmerzhaft angefühlt hat und sich später als wichtige Erfahrung gezeigt hat?
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir teilst.

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